Die Philosophie des Unvollendbar. (Q1462832)
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scientific article; zbMATH DE number 2605498
| Language | Label | Description | Also known as |
|---|---|---|---|
| English | Die Philosophie des Unvollendbar. |
scientific article; zbMATH DE number 2605498 |
Statements
Die Philosophie des Unvollendbar. (English)
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1919
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Dieses philosophische System faßt die Probleme der theoretischen Erkenntnis, der Metaphysik und der Ethik unter einem vitalen Gesichtspunkt zusammen. Originell ist besonders die Aufstellung einer Theorie des idealen (``macheidischen'') Kampfes, welche viele wertvolle Gedanken enthält, deren Anspruch auf Apriorität aber wohl anfechtbar ist. Mathematisch von Belang ist an dieser Philosophie vor allem die Heranziehung der Mengentheorie zur Entscheidung grundsätzlicher philosophischer Fragen. Lasker unterscheidet zwischen ``vollendbaren'' Mengen (Reihen), d. h. solchen, die ``von Geschöpfen begreifbar'' sind, oder genauer: zu deren Begreifbarkeit ``die Evolution intelligenter Wesen'' einmal führt, und ``unvollendbaren'' Mengen. Sodann beweist er nach bekannten Methoden, daß\ die Menge aller mathematischen Begriffsbildungen jedenfalls unvollendbar ist. Dieses Ergebnis wendet er nun an zur Widerlegung des Materialismus und des strengen Determinismus. Überhaupt dient in Laskers Philosophie die Unterscheidung zwischen vollendbaren und unvollendbaren Mengen (bezw. Reihen) zur Auflösung eines großen Teils der grundsätzlichen philosophischen Schwierigkeiten und Paradoxieen, analog wie in der \textit{Kant}ischen Philosophie die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich, -- eine Analogie, deren sich Lacker auch bewußt ist. Für die Mengenlehre glaubt Lasker durch die Einführung des Begriffes ``unvollendbar'' einen wesentlichen Gesichtspunkt gegeben zu haben. ``Die Mathematik der Mengenlehre'', so erklärt er, hat viel Kritik erduldet, aber sie ist untadelig abgeleitet worden bis auf den einen Umstand hin, daß\ sie den scharfen Begriff des Unvollendbar nicht kennt''. Tatsächlich aber gibt Lackers Definition des Begriffes ``unvollendbar'' kein Mittel zu einer wirklichen mathematischen Abgrenzung der zulässigen Mengenbildungen von den unzulässigen. Ferner ist die Disjunktion zwischen ``vollendbar'' und ``unvollendbar'' gerade vom Standpunkt Lackeis problematisch, da nach seiner Ansicht der Verlauf der Entwicklung geistiger Wesen nicht im voraus festgelegt ist, sondern sich erst im Fortgang dieser Entwicklung bestimmt. Dies wäre an sich kein Einwand, wenn nicht Lasker die Voraussetzung einer strengen, erschöpfenden Disjunktion benutzte. Auch bieten die Deduktionen, welche Lasker an seine Unterscheidung knüpft, -- z. B. für den Satz, daß\ jede Teilreihe einer vollendbaren Reihe vollendbar ist, -- der Kritik wesentliche Angriffspunkte. -- Charakteristisch für die Philosophie Laskers ist auch die prinzipielle Bedeutung, die der Wahrscheinlichkeit für das Gebiet des Psychischen von ihm zugeschrieben wird. Er behauptet: Was man psychische Kausalität nennt, ist nur unter dem Gesichtspunkt der Wahrscheinlichkeit zu verstehen. Eine volle Determination gibt es bei den psychischen Geschehnissen nicht, vielmehr können diese immer nur mit Wahrscheinlichkeit vorausbestimmt werden. Für eine ``unendliche Gesellschaft'' von psychischen Individuen würden sich aus den Wahrscheinlichkeits-Sätzen strenge Gesetze vom Charakter der physikalischen Gesetzlichkeit ergeben, und für eine große Zahl von Individuen können solche Gesetze als asymptotische Näherungen angewandt werden. Diese Ansicht ist wohl diskutabel; doch wenn man einmal der Wahrscheinlichkeit eine solche grundsätzliche Bedeutung zuerkennt, dann scheint es auf Grund der physikalischen Erfahrungen angemessen, diese Rolle der Wahrscheinlichkeit über den Bereich des Psychischen hinaus auf das materielle Geschehen auszudehnen. Die Bedeutung des Lackerschen Werkes liegt vor allem in der großzügigen Systematik und in der Weltanschauung, die hier ihren gedanklichen Ausdruck findet.
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