Grundzüge der kinetischen Naturlehre. (Q1516538)

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scientific article; zbMATH DE number 2672663
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Grundzüge der kinetischen Naturlehre.
scientific article; zbMATH DE number 2672663

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    Grundzüge der kinetischen Naturlehre. (English)
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    1898
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    Das vorliegende Werk ist von dem am 18. Sept. (a. St.) 1896 zu Riga verschiedenen Baron N. Dellingshausen hinterlassen, von seinem Sohne in pietätvoller Gesinnung mit einem Vorworte versehen und veröffentlicht worden, obgleich einige Abschnitte nicht ganz vollendet waren. Das Ziel des Verf. ist: ,,die mathematische Form für die in seinen früheren Werken ausgesprochenen Theorien zu finden.'' Seit der ersten Veröffentlichung des verstorbenen Naturphilosophen aus dem Jahre 1851 hat derselbe in einer Reihe von Schriften seine Anschauungen wieder und wieder dargelegt, ohne sie dadurch der naturwissenschaftlichen Mitwelt annehmbar zu machen. Als ein von dem Heerbann der übrigen Forscher isolirter Denker hat er nicht einmal von allen ähnlichen Bestrebungen Kenntnis erhalten und ist, unbeirrt durch die ihm vorgehaltenen Widersprüche seines Systems und unbeeinflusst durch die ihm offenbar nicht immer verständlichen Arbeiten seiner Zeitgenossen, bis zuletzt seinen ursprünglichen Ideen treu geblieben, immer bemüht, sie mit der realen Welt in Uebereinstimmung zu bringen. Wie wenig er von den Aenderungen, die sich in der Wissenschaft zu seinen Lebzeiten vollzogen, Notiz genommen hat, geht unter anderem daraus hervor, dass er gegen den Helmholtz'schen Ausdruck ,,Erhaltung der Kraft'' polemisirt, ihn für eine Nachlässigkeit der Sprache erklärt, bei der man von einer Kraft rede, während man Energie sagen wollte. Es ist ihm eben unbekannt geblieben, dass Helmholtz wie Mayer das Wort Kraft genau in dem Sinne des später erst von Thomson eingeführten Ausdruckes Energie in ihren früheren Schriften gebraucht haben. Der Grundgedanke Dellingshausen's, der ihm übrigens nicht ausschliesslich als Eigentum angehört, ist von überraschender Einfachheit und empfiehlt sich dadurch auf den ersten Blick. Die ganze Welt ist von einem allgemeinen Substrat angefüllt, dessen Wesen uns verschlossen bleibt; unterschiedslos, unveränderlich und stetig, nicht in Atome zerfallend, ist es in allen Körpern vorhanden. Die Verschiedenheit und Veränderlichkeit der Körper beruht nur auf der Verschiedenheit und Veränderlichkeit der inneren Bewegungen dieses Substrates. Die Interferenzen in den Erscheinungen des Schalles und des Lichtes wiederholen sich (in unklar gedachter Weise) in den Bewegungen des Substrates, in Wellenbewegungen, welche dasselbe nach allen Richtungen durchlaufen. Die Bahnen der --- geometrisch abzusondernden --- Punkte des Mediums sind in Schraubenlinien von verschiedener Ganghöhe, die mit verschiedenen Geschwindigkeiten beschrieben werden, eine Vorstellung, welche die unausgesprochene Hypothese eines Beharrungszustandes oder Trägheitsgesetzes in schraublinigen Bahnen in sich schliesst. Innerhalb eines Körpers interferiren die Wellen durch Reflexion an den Grenzen desselben und neutralisiren sich in ihren Wirkungen nach aussen, vernichten sich aber nicht, sondern bilden den Vorrat an potentieller Energie des Körpers, rätselhafte Wendungen, die nirgends klar erläutert werden. Die interferirenden Wellen teilen durch ihre Knotenlinien den Körper in Wirbelzellen, die kleinsten Teile der Körper, bei vereinfachten Annahmen von Würfelgestalt, die aber bereits der Form und Art nach alle die Bewegungen in sich enthalten, welche in dem Körper vorkommen. Die Veränderung im Volumen eines Körpers ist nichts anderes als reine Ausbreitung oder Beschränkung der ihn qualificirenden Bewegungen auf einen grösseren oder kleineren Teil des allgemeinen Substrates. Die äussere Bewegung eines Körpers ist eine Ausbreitung seiner inneren Bewegungen in einer bestimmten Richtung und ein gleichzeitiges Zurückziehen derselben an seinem entgegengesetzten Ende. ,,Indem die inneren Bewegungen eines Körpers nach einer Seite hin über die ihnen gezogenen Grenzen hinübergreifen und die inneren Bewegungen der nächsten Körper zurückdrängen, am anderen Ende aber vor den inneren Bewegungen der nachdrängenden Körper zurückweichen, werden sie beständig auf immer neue Teile des allgemeinen Substrates übertragen und bringen, indem sie diesen Teilen nach einander die Eigenschaften eines bestimmten Körpers erteilen, die Erscheinung seiner äusseren Bewegung hervor.'' Um eine Vorstellung von der unerschrockenen Consequenz zu geben, mit welcher Dellingshausen seine Vorstellungen durchführt, haben wir die vorstehenden Sätze zum Abdruck gebracht, müssen aber nun darauf verzichten, auch nur eine Skizze der weiteren Anwendung dieser Ideen auf die Erklärung der Grunderscheinungen in den verschiedenen Gebieten der Physik und Chemie zu geben. Die Widersprüche in den vom Verf. aufgestellten Principien, die Unklarheiten in den Entwickelungen liegen so offen zu Tage, dass man die Unzulänglichkeit der Theorie kaum hervorzuheben braucht. Die Undenkbarkeit einer stetigen Raumerfüllung durch unterschiedsloses, unveränderliches Substrat mit Bewegungen in demselben ist von Paul du Bois-Reymond in seinem nachgelassenen Werke ,,Ueber die Grundlagen der Erkenntnis in den exacten Wissenschaften'' (Tübingen, 1890) überzeugend nachgewiesen worden. Wie Isenkrahe in Uebereinstimmung mit dieser Ansicht in seiner Abhandlung ,,Ueber die Zurückführung der Schwere auf Absorption und die daraus abgeleiteten Gesetze'' (Schlömilch Z. 37, F. d. M. 24, 72, 1892, JFM 24.0072.01) ausführt, muss in einem solchen Substrat, dem der Verf. das Beharrungsvermögen in der Bewegung, die Elasticität und die Fernkraft abspricht, jeder isolirt gedachte Punkt sofort zur Ruhe kommen und in Ruhe verharren. Alle Einwürfe, welche Isenkrahe in der citirten Schrift gegen die Dellingshausen'schen Theorien in ihrer früheren Gestalt erhebt, bleiben auch für die in dem vorliegenden Buche gewählte, kaum von den älteren Veröffentlichungen abweichende Form bestehen. Unter Verweis auf diese durchaus sachliche Kritik, sowie auf die von Rosenberger in Bd. III der Geschichte der Physik gemachten Einwände, endlich auf das Referat, welches der Unterzeichnete über die Dellingshausen'sche Schrift ,,Die Schwere oder das Wirksamwerden der potentiellen Energie'' in F. d. M. 16, 53, 1884 (siehe JFM 16.0053.01) geliefert hat, wollen wir nur die Erklärung wiederholen, dass auch durch dieses letzte Werk des Verf. seine Annahmen nicht begreiflich gemacht worden sind. Ref. will jedoch noch auf einen Umstand hinweisen, der seines Wissens nirgends hervorgehoben ist. Die Grenzen eines Körpers sollen die inneren Wellen reflectiren; aber die Natur dieser Grenzen ist nicht definirt. Denn in dem unterschiedslosen Substrat ist eine solche Grenze unvorstellbar. Die Entstehung der stehenden Wellen in einem Medium hat dem Verf. die Grundvorstellung geliefert; hierbei braucht man aber innere Kräfte, die Elasticität, ein zweites Medium an der Grenze des ersten von einer anderen Dichte, Dinge, die der Verf. leugnet. Wenn hierauf erwidert werden sollte, der Verf. denke immer nur an zwei Körper in Berührung mit einander, so dass also nicht übereinstimmende Bewegungen die Grenze markiren, so widerspricht diesem Einwande die oben angeführte Stelle von der Bewegung eines Körpers, die nur ein Schein, in Wahrheit eine fortwährende Neubildung des Körpers in dem Substrate ist. Dieses Beispiel zeigt, dass die Phantasien des Verf. über das Wesen der Dinge durch äusserliche Analogien mit bekannten Vorgängen erzeugt und genähert sind. Das Neue in der vorliedenden Publication besteht in der Hinzufügung einer grösseren Anzahl von mathematischen Entwickelungen. Bei näherem Zusehen ergiebt sich aber, dass diese nichts weiter sind als ungemein breit ausgesponnene, ganz elemantare Erläuterungen der Anschauungen des Verf., dass sie also mit denselben Willkürlichkeiten in den ersten Annahmen behaftet sind, deren Unzulässigkeit sonst schon aufgedeckt ist, und dass sie demnach nicht als Stützen des entwickelten Systems dienen können. Bei aller Anerkennung der Beharrlichkeit, mit welcher der Verf. den einfachen Grundgedanken seiner Naturphilosophie während seines ganzen Lebens verfolgt hat, können wir daher auch in dem gegenwärtigen Werke nicht einen Fortschritt zu einem annehmbaren Aufbau der kinetischen Naturlehre erblicken, und wir können nur mit Bedauern das Scheitern eines Planes feststellen, der auf den ersten Blick etwas Bestechendes hat und sich manchen Ideen nähert, die Lord Kelvin und andere vermutungsweise ausgesprochen haben.
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