Vorlesungen über mathematische Physik. Erster Band: Mechanik. Vierte Auflage. Herausgegeben von W. Wien. Mit 18 Figuren im Text. (Q1518804)
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scientific article; zbMATH DE number 2674345
| Language | Label | Description | Also known as |
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| English | Vorlesungen über mathematische Physik. Erster Band: Mechanik. Vierte Auflage. Herausgegeben von W. Wien. Mit 18 Figuren im Text. |
scientific article; zbMATH DE number 2674345 |
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Vorlesungen über mathematische Physik. Erster Band: Mechanik. Vierte Auflage. Herausgegeben von W. Wien. Mit 18 Figuren im Text. (English)
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1897
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Die erste Lieferung der Kirchhoff'schen Mechanik wurde im Frühlinge des Jahres 1874 ausgegeben, und die letzte erschien zu Anfang des Jahres 1876. Allseitig durchdacht und mit der gewissenhaften Treue im einzelnen durchgearbeitet, die alle Schriften Kirchhoff's auszeichnet, ist die ursprüngliche Form des Werkes in den beiden nächsten, vom Verfasser selbst besorgten Auflagen (die zweite ist vom November 1876, die dritte vom September 1883 datirt), abgesehen von geringfügigen Aenderungen, unangetastet bestehen geblieben, und der gegenwärtige Herausgeber hat sich natürlich darauf beschränken müssen, einige für den Gang des Werkes unbedeutende Unrichtigkeiten, von denen eine Anzahl in einem nachgelassenen Manuscripte des Verfassers angemerkt war, zu verbessern. Aeusserlich ist die Constanz des Textes schon dadurch beglaubigt, dass die erste Auflage 466 Seiten umfasste, gegenüber den 464 der vorliegenden, ein in die Augen springendes Zeugnis für die peinliche Sorgfalt, die Kirchhoff auf die Ausarbeitung seiner Vorlesungen verwendet hatte. ,,Seine Gabe war nicht das Anfangen, sondern das Vollenden. Es ist gewiss bezeichnend für seine Arbeiten, für seine Neigung, nur von den sichergestelltesten Grundlagen und nur in völlig mathematischer Strenge die Entwickelung fortzuführen, dass er wohl fast niemals gezwungen gewesen ist, auch nur in Kleinigkeiten sich selbst zu berichtigen oder berichtigen zu lassen.'' Diese treffenden Worte in der Voigt'schen Gedächtnisrede auf Kirchhoff passen in jeder Hinsicht auf seine Mechanik und erklären die Unwandelbarkeit ihres Textes. Die Kirchhoff'schen Vorlesungen sind nicht ein Lehrbuch der analytischen Mechanik in dem Sinne der klassischen französischen Vorbilder. Die Dynamik des Punktes und des starren Körpers findet sehr rasch auf 94 Seiten in den ersten neun Vorlesungen ihre Erledigung. Dann folgen in viel grösserer Ausführlichkeit nach einer Einleitung über die Verschiebungen der Teile eines Körpers die Hydrostatik, die Capillarität, die Hydrodynamik und die Aerodynamik; hier werden die Resultate der von Dirichlet, Helmholtz und Kirchhoff selbst durchgeführten, epochemachenden Arbeiten im Zusammenhange mit der allgemeinen, durch sie zum Teil umgewandelten Theorie vorgeführt. Endlich wird in den letzten vier von den dreissig Vorlesungen, in welche der Inhalt geteilt ist, die mathematische Elasticitätstheorie vorgetragen, wo Kirchhoff ebenfalls durch eine Reihe fundamentaler Arbeiten reformirend aufgetreten war. Wegen der einleuchtenden Erfolge, welche Kirchhoff durch seine vorsichtige mathematische Methode erzielte, bemühten sich seine Nachfolger, den philosophischen Sinn zu erfassen, der den Autor bei der Abfassung geleitet hatte. Die Schell'sche ,,Theorie der Bewegung und der Kräfte'', dasjenige Werk, welches neben der Kirchhoff'schen Mechanik während der letzten 25 Jahre wohl den nachhaltigsten Einfluss auf diesem Gebiete ausgeübt hat, zeigt in der zweiten Auflage von 1880 (Bd. II, S. 1 ff.) dieselbe Neigung zu völliger Abstraction in den allgemeinen Erörterungen über die Kräfte und das Mass derselben. Ferner hat man als letzte Consequenz der in dem Buche herrschenden, philosophischen Grundanschauung wohl die Ueberlegungen anzusehen, welche Hertz in der Einleitung zu seinen Principien der Mechanik (1894) angestellt hat. Wenn dort von den ,,Bildern'' oder Symbolen der äusseren Gegenstände geredet wird, die wir uns von den Dingen in solcher Art machen, dass die denknotwendigen Folgen der Bilder stets wieder die Bilder seien von den naturnotwendigen Folgen der abgebildeten Gegenstände, so ist ja damit der zuerst von Descartes in aller Schärfe aufgestellte Gegensatz zwischen Geist und Materie, oder die Trennung des erkenntnistheoretischen Vorstellungsobjectes in Object und subjective Vorstellung ausgesprochen; aber dieser Gegensatz findet sich auch in der berühmten Definition Kirchhoff's von der Mechanik als einer Beschreibung der Bewegungsvorgänge, da ja eine solche Beschreibung eben eine Art des Denkens über die Dinge ist, dem das Ding an sich fremd gegenüber steht. Der Italiener Maggi, welcher in seinem jüngst erschienenen Buche ,,Principii della teoria matematica del movimento'' (F. d. M. 26, 777, 1895, JFM 26.0777.01) eine ganz originale Bearbeitung der ,,Meccanica razionale'' geliefert hat, stimmt zwar im allgemeinen der Kirchhoff'schen Auffassung bei, sucht aber das Band mit der Realität, mit dem Experimente dadurch herzustellen, dass er ,,der Dynamik einige Postulate vorausschickt, welche ihre allgemeinen Gesetze ausmachen'', welche aber nicht etwa die alten Newton'schen axiomata sive leges motus sind, sondern an Clifford und Mach anknüpfen. Die vorstehenden Ausführungen zeigen, dass die Forschung noch immer unter dem Einflusse der Gedanken steht, welche das vorliegende Werk seit seinem Erscheinen hervorgerufen hat. Vielfach ist es gerade das Unausgesprochene gewesen, was zu neuen Untersuchungen Anlass gegeben hat. Denn in sich klar, streift das Buch in seiner künstlerischen Vollendung solche Gebiete nicht, wo die Zeugen der menschlichen Bedürftigkeit des Denkens sich zeigen; in seiner klassischen Schönheit ist es ein bewundernswertes Denkmal seines unsterblichen Schöpfers.
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